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Werner Wanne - ein Leben im Dienste der Sauberkeit
Geboren wurde ich 1968 in einer großen Fabrik in der Nähe von Essen. Schon bald nachdem ich meinen schicken weißen Lack bekommen hatte, packte man mich in eine große Holzkiste und verlud mich auf einen LKW. So begann mein Leben.
Gestatten? Ich bin Werner Wanne, Badewanne der mittleren Generation, 70 cm breit und 135 cm lang. Ich bestehe hauptsächlich aus Metall und guter alter Emaille, besser als dieses neumodische Kunststoff-Gesocks, das sich heute in allen Badezimmern herum treibt. Ich gehöre noch zum alten Schlag, ich bin noch gute deutsche Wertarbeit. Wenn Sie sich mal in die Hocke bemühen würden? Schauen Sie unter meinen Rand hinten rechts, schräg gegenüber vom Auslauf, da finden Sie noch mein Etikett, wo "Made in Germany" draufsteht. Aber nun zu meiner Biografie.
Die Fahrt mit dem LKW war eine Reise ins Ungewisse. Ich war noch jung und wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Es rumpelte, und dann hörte ich Stimmen von Männern ... so landete ich in der bescheidenen Sanitär-Ausstellung der Firma Kabel in Waldbröl. Dort blieb ich jedoch nicht lange. Schon nach einigen Wochen wurde ich in einen Kleinbus geladen, und wieder begann eine Reise in eine unbekannte Zukunft. Die kurze Fahrt endete in Bohlenhagen. Später erfuhr ich, dass ich von nun an im Dienste der Sauberkeit für Familie Sockenmacher arbeiten würde. Ich hatte einen Job! Gegen freie Kost und Logis, das war damals viel wert. Ich freute mich riesig.
Man setzte mich in ein festes Fundament und ich fühlte mich gleich wohl. Um mich herum setzte man schicke rosa Kacheln, die glänzten wunderschön. Besonders gut gefiel mir eine Kachel, die eine Rose trug. Die hübsche Dame aus Keramik stellte sich mir als "Karla Kachel" vor, und schon gleich nach unserem Kennenlernen flirteten wir heftig miteinander. Ach, dieses Leben versprach sehr schön zu werden. Bis ... ja bis Arno Armatur in unser Leben trat, und das war schon am nächsten Tag. Arno war Holländer und sprach mit einem fürchterlichen Akzent. Er war ein furchtbarer Angeber und prahlte den ganzen Tag damit, wie viel Wasser er in einer Minute in mich speien könne. Das Schlimmste war jedoch, dass er sich sofort an Karla Kachel heran machte. Sollte er sich doch an die eng mit ihm verbundene Bettina Brause halten, der chromglänzende Angeber! Na, prima, mit diesem Nachbarn sollte ich den Rest meines Lebens verbringen ...
Am nächsten Tag lernte ich meine neuen Arbeitgeber kennen. Frau Sockenmacher scheuerte uns alle mit Ata, bis auch die letzten Spuren der Handwerker von uns gewichen waren. Wir alle erstrahlten in wundervollem Glanz. Gemeinsam bildeten wir ein top-modernes Bad - eines, das zu dieser Zeit längst nicht alle Menschen in Waldbröl hatten. Abends dann tat ich meinen ersten Dienst. Höflich schaute ich zur Seite, als die Dame des Hauses sich entkleidete, Arno warmes Wasser in mich spie und Frau Sockenmacher mit einem wohligen Seufzer in mir Platz nahm. Sie griff zu einer wohlriechenden Seife und schäumte sich ein. Fast hätte ich mich räuspern müssen, denn der Duft der Seife war ungewohnt stark für mich. Aber ich hielt mucksmäuschen-still, denn natürlich wollte ich die Dame nicht erschrecken. Abgesehen von Arno Armatur gefiel es mir hier, und ich wollte bleiben.
Nach etwa einer halben Stunde stieg Frau Sockenmacher wieder aus mir heraus. Ich hob meinen Boden fürsorglich etwas an, damit sie leichter über meinen Rand klettern konnte. Erst heute weiß ich, dass die Menschen das bis heute nicht bemerkt haben. Ihnen ist gar nicht bewusst, welchen Job wir Badewannen machen und halten uns für leblos. Vielleicht hat die junge Kunststoff-Generation deshalb "Null Bock" mehr und hilft ihren Arbeitgebern nicht hinaus - weil es keine Anerkennung bringt.
Kurze Zeit später kam auch Herr Sockenmacher und stieg ins noch warme Wasser, das seine Gattin kurz vorher verlassen hatte. Sie mögen jetzt vielleicht die Nase rümpfen - früher war es üblich, dass die ganze Familie das gleiche Badewasser benutzte! Endlich konnte ich zeigen, was in mir steckte, und den beigefarbenen Seifenschaum, den der Boss sich abwusch, an meinem Rand aufsammeln. Als das Badewasser schließlich abfloss, zierte mich ein prächtiges Halsband aus Seife, Schmutz und Haut. Das war mein erster Arbeitstag.
Schon am nächsten Tag kam Frau Sockenmacher wieder mit der Ata-Dose in der Hand in unser Badezimmer und wischte mein schönes Halsband fort. Schade, ich war so stolz darauf gewesen - war es doch das Zeugnis eines erfolgreichen Arbeitstages!
Der Rest der Woche verlief ruhig. Und dann kam der Samstag. Wieder spie Arno Armatur warmes Wasser in mich, und die Chefin stieg in mich hinein. Doch heute war etwas anders: Schon wenige Minuten, nachdem die Dame sich eingeseift hatte, kam der Boss dazu! Huch! Ob ich zwei Menschen aufnehmen könnte? Das hatte ich noch nicht probiert. Bereitwillig machte ich mich etwas breiter, so wie es das Fundament eben zuließ. Doch Herr Sockenmacher wollte sich gar nicht waschen - er legte ich auf Frau Sockenmacher drauf! Sowas ... ich war ziemlich durcheinander. Davon stand in meiner Bedienungsanleitung nichts. Kurz drauf begannen beide zu quietschen. Das war lustig! Vor Vergnügen ließ ich mich dazu hinreißen, auch ein paar Jauchzer von mir zu geben, aber die beiden waren so beschäftigt, dass sie mich nicht bemerkten. Heute, viele Jahre später, weiß ich, dass Menschen immer noch keine Ahnung haben, warum wir Badewannen gelegentlich quietschen. Sie nehmen es einfach hin.
Der nächste Winter kam, und ich gab meinen Bossen so manches Erkältungsbad. Frau Sockenmacher wurde immer dicker - sie schien regelrecht in mir aufzublühen. Mein Job machte Spaß, ich war erfolgreich. Das imponierte auch Karla Kachel, die sich für die plumpen Annäherungsversuche von Arno immer weniger interessierte. Als der Frühling kam, passierte wieder etwas Seltsames. Frau Sockenmacher verreiste ziemlich plötzlich. Als sie nach einer Woche wieder kam, trug sie ein kleines Menschlein auf dem Arm.
Von jetzt an war das ruhige Leben vorbei. Jeden Abend wurde das kleine Menschlein in mir gebadet. So manches Mal landete auch ein Pipichen oder Häufchen in mir, und ich machte meinem Unmut darüber mit lautem Gurgeln Luft, wenn Frau Sockenmacher den Stöpsel aus dem Abfluss zog. Doch es kam wie es kommen musste: Zuerst wurde mir übel und ich hatte keinen Appetit mehr. Dann musste ich mich übergeben. Und dann hatte ich Verstopfung. Nichts ging mehr. Firma Kabel kam und ich musste einen Schlauch schlucken. Das war wirklich unangenehm, aber nachdem ich mich mehrmals übergeben hatte, war die Verstopfung weg. Vor lauter Erleichterung musste ich kräftig rülpsen. Dieses Erlebnis wünsche ich mir nicht noch einmal!
Die Jahreszeiten kamen und gingen, und ich erledigte meinen Job. Ich nahm Wäsche auf, Menschen, später auch einen Hund. Alle wurden sauber in mir. Mein Leben stand ganz im Dienste der Sauberkeit, und ich war zufrieden damit. Bis kurz vor Weihnachten. Da habe ich tatsächlich an meinem Verstand gezweifelt. Arno spie kaltes Wasser in mich. Komisch ... eiskaltes Wasser im Winter? Doch es sollte noch dicker kommen: Frau Sockenmacher kam mit einer Tüte und warf einen ... einen ... einen ... ich kann es kaum aussprechen ... Einen Fisch in mich hinein! Um Himmelswillen! Ganz bewusst habe ich mich nicht als Aquarium beworben. Niemals wollte ich diese glibberigen Fische in mir beherbergen! Und nun dies! Ich war völlig aus dem Häuschen. Dieser Kerl sprach noch nicht einmal deutsch! Arno Armatur, der Angeber, hat dann irgendwie heraus bekommen, dass der Fisch Kalle Karpfen hieß. Und er stank widerlich! Oh wie sehnte ich mich nach dem Rosenduft der Seife! Zum Glück verließ uns Kalle Karpfen an dem Tag, als das Christkind kam und ward nie mehr gesehen.
Der Spross der Sockenmachers wurde größer und damit auch immer frecher. Eines Tages warf er einen Stein gegen meine Wand. Oh Schreck, mein wunderschöner Emaille-Lack sprang ab, und es kam ein hässlicher schwarzer Fleck zum Vorschein! Ich schämte mich ganz fürchterlich und versuchte immer, den Fleck zu verstecken, aber das gute Fundament hielt mich fest, so dass ich mich nicht aus dem Licht drehen konnte. Arno Armatur lästerte: Schau Dich doch an, bist nicht mehr der Jüngste! Ata hat sichtbare Spuren hinterlassen, und Dein einstmals weißer Boden ist gelblich. Der Glanz der Jugend ist ab! Arno streute Salz in meine Wunden, doch er hatte Recht: Wir waren alle nicht mehr das, was wir einmal waren. Karlas Glasur zeigte ganz feine Risse, wenn man genau hinschaute. Ihre Nachbarin, Rosi Rosa hatte sogar einen Sprung. Arno Armatur hatte eine Triefnase und tropfte ständig in mich hinein. Wo das Wasser auftraf, hatte sich ein brauner Fleck gebildet. Aber wir taten unseren Job. Und wir waren immer noch verdammt gut.
So gingen die Jahre ins Land und wir glaubten alle, es würde immer so weitergehen. Bis irgendwann Herr Sockenmacher und Herr Kabel mit einem Zollstock durch unser Badezimmer liefen. Wir konnten nur Wortfetzen verstehen. Sprudelbad ... Bidet ... Beleuchteter Waschtisch ....
Alles Fremdworte für uns, mit denen wir nichts anfangen konnten. Aber wir hatten das Gefühl, dass dieser Tag für uns nichts Gutes bedeutet.
Einige Tage später rückten die Handwerker an. Der Kleinbus war nicht mehr der Selbe wie der, mit dem ich damals gekommen war. Herr Kabel öffnete eine große Tür am Heck, und entlud eine große Wanne mit 3 Ecken und lauter Löchern im Fußboden. Da das konnte ja wohl keine Konkurrenz sein. Erleichtert kuschelte ich mich in mein Fundament. Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Gewaltsam riss man mich aus meinem Bett, in dem ich fast 20 Jahre lang so sicher gelegen und meinen Job gemacht hatte. Man schlug Karla und ihre Kolleginnen von der Wand und schraubte Arno Armatur von seinen Füßen. Dann trugen mich zwei Burschen nach draußen. Aus dem Augenwinkel sah ich Karla Kachel, die zerbrochen am Boden lag und leise schluchzte. Dies war ein schwarzer Tag für uns alle.
Heute stehe ich auf der Kuhwiese. Wenn Sie nach Bohlenhagen kommen, sehen Sie mich gleich rechts auf der Wiese, gegenüber vom Tierarzt Dr. Schreibfix. Mein Lack ist nicht mehr glänzend weiß, und ich musste umschulen. Statt Sauberkeit zu spenden, stille ich nun Durst. Eine Kuh mag ich besonders gern: Die mit der Nummer 117 am Halsband, die leckt immer so freundlich über meinen Rand, wenn ich ihr Wasser gegeben habe. Es ist halt ein job ... was soll ich sagen ... nur im Winter, wenn das Eis gegen meine Wände drückt und ich hart gefroren bin, dann sehne ich mich oft zurück an die Zeiten mit Karla Kachel, Arno Armatur und die vielen kleinen Geschichten zum Quietschen ...
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